Besonders in Microsoft-nahen Kreisen wird seit Ende 2006 XPS als künftige Alternative sowohl zu PDF als auch zu PDF/A diskutiert. Dabei ist zunächst zu klären, ob XPS in technischer Hinsicht das leisten kann, was PDF/A ermöglicht, und falls ja, worin die Vorzüge von XPS bestünden.
Lassen wir für den Moment beiseite, dass es PDF schon seit 1993 gibt und PDF/A im Herbst 2005 als ISO-Standard verabschiedet wurde, während XPS als Bestandteil von Microsofts neuer Betriebssystemgeneration Vista seit Ende 2006 beziehungsweise Anfang 2007 verfügbar ist. Wenden wir uns statt dessen dem Wesen von PDF und PDF/A einerseits und XPS andererseits zu:
XPS darf beschrieben werden als ein Format, das auf statische Weise abbildet, was ein Monitor darstellen oder Druckausgabegerät drucken würde beziehungsweise sollte. Es ist insofern ein modernes "Spool"- Format, vergleichbar etwa mit PCL, AFP oder PostScript, wobei XPS sicher moderner als diese ist. Zumindest auf Microsoft Vista kann man sich ein Dokument im XPS-Spool-Format im Internet Explorer anzeigen lassen.
Der Internet Explorer fungiert in seiner aktuellen Version auch als XPS-Viewer, bisher jedoch ausschließlich unter Windows.
Auch PDF lässt sich als "Spool"-Format einsetzen – das kalifornische Unternehmen Apple tut dies seit Jahren in seinem Betriebssystem Mac OS X. Ansonsten wird PDF aber seit langem nicht nur als Endstation beliebiger statischer digitaler Dokumente verwendet, sondern ist selbst Gegenstand und Grundlage von dokumentenbasierten Arbeitsabläufen geworden: am bekanntesten ist hier wohl der Einsatz für elektronische Formulare; in jüngerer Zeit findet PDF zunehmend Verwendung für Abstimmungsprozesse mittels ausgefeilter Kommentarfunktionen, die in nachverfolgbarer Weise von mehreren Personen für PDF-Dokumenten eingesetzt werden können. Vielfältige etablierte Möglichkeiten des digitalen Signierens runden den Einsatz von PDF in den unterschiedlichsten Dokumenten- Workflows ab – bis hin zur vom BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) zertifizierten qualifizierten digitalen Signatur.
Insgesamt schlägt PDF zugleich die Brücke zwischen den verschiedensten elektronischen Dokumentformaten (selbst wenn eine PDF-Exportfunktion nicht zur Verfügung steht, kann alles, was ausgedruckt werden kann, auch in ein PDF "gedruckt" werden) und ist zugleich selbst zum Dokumentformat mit eigener Daseinsberechtigung und ganz eigenen Anwendungsgebieten aufgestiegen. Zumindest was Formulare, Kommentare und Signaturen in PDF angeht, lassen sich solche PDFs adäquat auch als PDF/A archivieren. Insofern gehen sowohl PDF als auch PDF/A nach ISO 19005-1 deutlich über das hinaus, was mit XPS sowohl konzeptionell wie auch auf heutigem Stand tatsächlich möglich ist.
Aus Office-Programmen lassen sich Dokumente "als PDF oder XPS veröffentlichen".
Aber auch in dem Teilbereich, in dem man PDF/A und XPS direkt miteinander vergleichen könnte, zeichnen sich schnell Schwächen und Grenzen in XPS ab, die es unwahrscheinlich machen, dass XPS jemals PDF/A den Rang wird vollständig streitig machen können. Einige Punkte seien hier exemplarisch aufgezeigt.
Zunächst ist zu beachten, dass die Abbildungsmodelle von PDF und XPS sehr ähnlich sind. XPS jedoch verzichtet auf einige Konstrukte, wodurch es sehr schwierig bis unmöglich werden kann, beliebige PDF-Dokumente verlustfrei in XPS umzuwandeln (der umgekehrte Weg hingegen ist durch den größeren Leistungsumfang von PDF stets möglich).
Die Eigenschaften von XPS (in der Gegenüberstellung zu PDF/A) zeigen sich im Detail wie folgt:
Über die Drucken-Funktion kann man aus beliebigen Anwendungen (etwa Photoshop oder CorelDraw) XPS-Dateien erzeugen, allerdings in geringer Qualität.
Aus der Sicht von Microsoft wird dies möglicherweise nicht als Schwäche, sondern als Tugend begriffen: Schließlich begnügen Microsoft-Applikationen sich mit dem, was sich in XPS abbilden lässt. Obgleich selbst in dieser Hinsicht Microsoft es gelegentlich nicht wirklich ernst mit XPS meint: Publisher 2007 gestattet die Verwendung von CMYK- und Schmuckfarben, speichert diese aber beim Sichern als XPS in RGB ab – die Professionalität von Publisher 2007 als ernstzunehmendes Publishing- Instrument fällt dabei unerfreulicherweise unter den Tisch. Nicht mal eine Warnung erhält man – was angesichts des Angebots des XPS-Exportstils "High quality printing" zumindest als Irreführung des Anwenders einzuordnen ist. Der Microsoft-eigene PDF-Export leidet unter dem gleichen Mangel.
Schließlich sei nicht verschwiegen, dass die Leistungsfähigkeit von XPS nur dann zum Tragen kommen kann, wenn das Programm, aus dem heraus XPS abgespeichert wird, ausdrücklich XPS (oder allgemeiner: die Windows Presentation Foundation-Architektur) unterstützt. Das werden eine Reihe von Applikationen sicherlich mit der Zeit leisten (sonst bleibt ihnen über kurz oder lang das Prädikat "Unterstützt Vista" verwehrt) – es wird aber wohl noch Jahre dauern, bis die entsprechenden Aktualisierungen den Weg auf die Windows-Rechner finden, und es dürfte eine ganze Reihe von Anwendungen geben, bei denen dies gar nicht oder erst sehr spät erfolgt.
Unterstützt ein Programm XPS nicht ausdrücklich, lässt sich unter Vista durchaus ein XPS-Dokument über den XPS-Druckertreiber erstellen. Es handelt sich dann aber um eine Übersetzung des bisherigen GDI-Protokolls in XPS-Notation. Spätestens bei Anwendungen, die beispielsweise für die hochwertige Ausgabe auf PostScript angewiesen sind – das sind zumindest alle professionellen Publishing-Anwendungen, einschließlich Adobe PageMaker, Quark XPress, CorelDraw oder Adobe Photoshop – ist der Anwender dann mit einer Krücke konfrontiert: er erhält einen Dateiexport mit der Qualität eines Screenshots.
Auch wenn Microsoft oder Dritthersteller im Laufe der kommenden Jahre die eine oder andere Schwäche ausbügeln – konzeptionell bleibt XPS ein Format, das auf das Abbilden von typischen Office- Dokumenten sehr gut geeignet sein mag, bei vielen anderen Dokumenttypen aber passen muss beziehungsweise diese nur mit unnötigen Einschränkungen abspeichern kann. Damit ist in Bezug auf XPS genau diejenige universelle Unterstützung beliebiger Dokumenttypen nicht gegeben, die PDF so stark und beliebt gemacht hat.
Das Beste an XPS dürfte sein, dass aus allen Applikationen, die XPS unterstützen (und mit dem neuen Office 2007 sind da einige recht wichtige dabei), ein qualitativ sehr viel besseres PDF erstellt werden kann, als über bisherige Wege wie GDI-. PCL- oder PostScript-Druckertreiber: Adobe Acrobat bietet ab Version 8 einen Importfilter für XPS an, ein XPS lässt sich dadurch ganz einfach öffnen und sozusagen ganz nebenbei als PDF wieder abspeichern.
Adobe Acrobat 8 ist in der Lage, XPS in PDF zu konvertieren. Dies gilt jedoch nur für die Windows-Version.
Ansonsten besteht der Verdacht, dass Microsoft glaubt, durch seine Marktmacht den Bogen überspannen zu können und XPS nicht nur als Spool-Format oder Druckersprache einsetzt, sondern im selben Aufwasch auch als universelles Austauschformat positionieren möchte – was es jedenfalls nicht im gleichen Maße wie PDF ist. Auf viele Jahre dürfte hier PDF das verlässlichere Format bleiben.
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