Dokumentation auf mobilen Endgeräten

Neuauflage für das Single Sourcing


14.02.2012

Inhalte und Anwendungen auf Tablet-PCs und Smartphones mausern sich von unterhaltsamen Zusatzfunktionen zu wichtigen Informationsträgern, gerade auch für die Technische Dokumentation.

Mobile Dokumentation ist inhaltlich und technisch eine Herausforderung

Das Prinzip des Single Sourcings lässt sich gewinnbringend nutzen, jedoch gelten eigene Gesetze für Content auf mobilen Endgeräten. Und: Selbst mit dem inhaltlich bestvorbereiteten Dokument gilt es bei der Publikation auf mobile Endgeräte technische Stolpersteine zu umschiffen.

Die mobilen Kanäle setzen neue Paradigmen für alle Content-Bereiche: durch die eingeschränkten Platzverhältnisse und die schlechtere Lesbarkeit beispielsweise, aber auch durch neue Funktionalitäten. Zudem haben mobile Nutzer andere Erwartungen und Verhaltensmuster als die klassischen Desktop-Nutzer. Wenn Dokumentation auf mobilen Geräten funktionieren soll, müssen diese Aspekte bereits bei der Planung berücksichtigt und altbewährte Dokumentationskonzepte neu überdacht werden.

Mobile Nutzung

Was vor kurzem noch als jugendliche Spielerei belächelt wurde, entwickelt sich heute zu einer wichtigen Kommunikationsfläche zwischen Unternehmen und ihren Kunden. Auch die Produktinformation wandert mehr und mehr in die kleinen Geräte, die wir immer mit uns tragen. Statt dass wir lange Fehlerbeschreibungen lesen, kann unser Smartphone heute schon anhand eines seltsamen Geräuschs im Motor den Fehler identifizieren und uns direkt Abhilfe anbieten. Wir brauchen keine dicken Bücher mitschleppen, müssen nicht langwierig den Rechner hochfahren oder hilflos am Straßenrand stehen. Die Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Technischen Dokumentation sind grenzenlos und viel versprechend. Allerdings hat sich mit den mobilen Geräten das Nutzungsverhalten komplett verändert.

Wann, wo und wie wir Informationen erwarten, überfliegen und tatsächlich lesen:

  • Gleich, wo wir gerade sind und was wir tun, zappen wir laufend durch Nachrichten, immer auf der Suche nach dem Neuesten.
  • Interessante Stationen legen wir irgendwie für ein späteres Lesen ab, welches dann aber oft nicht stattfindet.
  • Wir suchen nach Möglichkeiten, den roten Faden nicht zu verlieren.
  • Wir möchten den Überblick bewahren.

Single Sourcing als Prinzip

Wie schaffen wir es also, diese mobilen Medien für unsere Zwecke attraktiv und nutzbringend einzusetzen? Die Erstellungsseite steht vor neuen Herausforderungen, denn die neuen Medien und ihre Technik entwickeln sich schnell und sie lösen nicht unbedingt die bestehenden Publikationsmöglichkeiten ab, sondern müssen parallel dazu bedient werden. Die Folge dieser Entwicklung ist, dass dieselben Inhalte in immer mehr Medien für unterschiedliche Zwecke, in unterschiedlicher Form und in immer kürzeren Zeiträumen bereitgestellt werden müssen. Hier hat sich das Single-Source-Prinzip bewährt. Inhalte werden in kleine Bausteine aufgeteilt und möglichst medienneutral an nur einer Stelle erstellt und gepflegt. Aus dem Baukasten können dann mit geeigneten technischen Mitteln flexibel die unterschiedlichen Medien passend bedient werden.

Mal eben schnell ein mobiles Buch?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Technische Dokumentation auf mobile Geräte zu bringen. Zentral ist dabei eine Frage ganz am Anfang: Sollen meine Dokumente bloß mobil lesbar gemacht werden, oder will ich neue Welten betreten und mit einer App das ganze attraktive Funktionsspektrum des Endgerätes nutzen?

Soll die Dokumentation als einfaches E-Book, ohne Einbezug der Hardware-Funktionen, auf mobilen Geräten lesbar sein, diktieren im Prinzip nur die Größe des Displays und die angebotenen Formate auf dem Zielgerät den Erstellungsprozess.

Tablet-PCs, Smartphones und E-Book-Readers akzeptieren für die Anzeige verschiedene gängige Dateiformate: PDF, TXT, Word- und HTML-Dateien werden unterstützt. Bei den meisten kann man EPUB finden, das auf XML basierende Format zum Anzeigen von E-Books. Manchmal ist dieser Open Source-Standard integriert, manchmal ist eine App nötig, welche die EPUB-Darstellung ermöglicht. Dass die einzelnen Formate auf allen Lesegeräten und mit jeder Lesesoftware gleich dargestellt werden, ist allerdings noch ein frommer Wunsch.

Technisch gesehen lässt sich ein aus dem Single-Source-Prozess heraus entstandenes Format als mobile Version durchaus verwenden, jedoch droht rasch ein:

Durcheinander auf dem mobilen Bildschirm

Der Inhalt der für Print oder Desktop-Bildschirm hergestellten Version wird zu klein dargestellt; Hochzoomen bewirkt, dass nur noch ein Ausschnitt zu sehen ist und man scrollen muss. Schlimmstenfalls wird der Inhalt vom Gerät unleserlich umbrochen. Tabellen und Grafiken werden oft verzogen und unbrauchbar dargestellt. Das Ausgangsdokument muss also für die Displaygröße optimiert werden. Denn Benutzerfreundlichkeit hat auch auf mobilen Endgeräten oberste Priorität.

Die zentralen Fragen bei diesem Schritt sind nicht andere als bisher, spitzen sich aber quasi zu: Welche Aussage will ich wirklich transportieren? Wie lässt sich die Informationsmenge minimieren, ohne dass Sinn und Stringenz verloren gehen? Wie führe ich meinen User durch die Doku?

Die Struktur des Inhaltes muss sich in einer intuitiven Weise auf dem kleinen Display niederschlagen und sich dem Leseverhalten auf dem mobilen Gerät anpassen. Modularität in Bausteinen erhält einen noch höheren Stellenwert: Kleine Elemente, klar verständlich, logisch zusammengebaut und verknüpft, sind auf dem Minibildschirm leichter erfass- und bedienbar.

Das mobile Endgerät verlangt eine neue Dimension der Präzision und Innovation

Für Texte gilt: Noch weniger Wörter und Buchstaben, noch knappere Sätze. Grafiken, Videos und Animationen können viel Text ersetzen, aber auch diese visuellen Elemente müssen in Darstellung und Bedienung ganz speziell auf den kleinen Bildschirm abgestimmt werden. Ein mobiles Dokument ist also bereits eine Herausforderung, wenn herkömmliche Formate als Basis verwendet werden. Die noch größere Aufgabe – gleichzeitig aber auch die neue Chance für die Branche – ist es, Dokumentation als Apps zu publizieren.


Apps der unbegrenzten Möglichkeiten?

Mobile Endgeräte bieten mit ihren Grundfunktionen ganz neue Mittel, die bei der Auswahl und dem Aufbau des Contents mitberücksichtigt werden können. Wie kann die Hardware des Smartphones hinzugezogen werden, um die Suche oder die Navigation nach der Information abzukürzen oder zu beschleunigen? Kann ich Inhalt eventuell durch eine Funktion des Endgerätes ersetzen? Hier ist viel Kreativität gefragt: Die Optionen des Smartphones wie Geolokation, Fotoapparat, Tonerkennung und Filmaufnahme, Berührungs- und Bewegungssensoren gilt es mit dem Inhalt zu verknüpfen und sie einfallsreich und produktiv einzusetzen.

Will ich die Vorteile des Endgerätes voll nutzen, muss meine App diese Hardware-Komponenten ansteuern und verwenden können. Die verschiedenen Plattformen verlangen, dass die Apps in der passenden Entwicklungsumgebung und Programmiersprache erstellt werden oder zumindest mittels Application Programming Interfaces (API) an die Hardware gekoppelt werden. APIs wiederum sind bezogen auf die Systemplattform.

Um die Anbindung zu erreichen, gibt es bei der Erstellung von Apps zwei Möglichkeiten: Sie können entweder nativ entwickelt oder aber als Web-App aufgestellt werden, welche mit einem Zwischenschritt mit dem Betriebssystem des Zielgerätes verbunden werden.

Native Apps werden lokal auf dem Smartphone oder Tablet-PC abgelegt und laufen nur auf dem Betriebssystem einwandfrei, für das sie programmiert wurden. Auf dem internationalen Markt muss man eine App für eine Reichweite von 90% momentan immerhin für vier Plattformen – Android, Symbian, iOS und RIM – entwickeln. Auch Microsoft mischt mit dem Windows Phone 7 inzwischen mit. Der Markt ist stark in Bewegung. Welche Betriebssysteme in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden, ist nicht voraussehbar. Gute Abdeckung mit nativen Apps also bedeutet: unterschiedlichste Entwicklungsumgebungen installieren und mehrere Programmiersprachen, wie C++, Java, Qt oder Objective-C beherrschen. Dass dies zeitlich und finanziell aufwändig ist, liegt auf der Hand.

Wenn die Applikation als HTML/XML-basierte Web-App programmiert wird, lässt sich die Lage etwas entspannen. Dank HTML5, CSS3 und JavaScript lassen sich Web-Apps mit nahezu denselben Funktionen ausstatten wie native Apps. Für den vollen Funktionsumfang müssen sie über betriebssystemgebundene APIs an das Endgerät gekoppelt werden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten (siehe Kasten). Das heißt, auch hier ist eine Diversifikation in die gewünschten Zielgeräte notwendig.

Fazit

Ein echtes Single-Source-Prinzip scheint bislang für mobile Endgeräte weder punkto Erstellung noch punkto Publikationstechnik realistisch zu sein. Der Ein-Klick-Veröffentlichung auf mobile Geräte stehen die kleine Bildschirmgröße und die Vielfalt an Plattformen oder Publikationsformaten im Weg. Was Apps angeht, steht deren Entwicklung noch am Anfang. Für die Technische Dokumentation lohnt es sich, die Chancen mobiler Publikation gegen die Ressourcenintensität abzuwägen, am Ball zu bleiben und die technische Entwicklung innovativer Möglichkeiten interessiert zu beobachten.




Kommentare

Bitte beachten Sie unsere Informationen zum Datenschutz.

blog comments powered by Disqus

Weitere Artikel zum Thema

alle Artikel zum Thema

Autor

Prof. Sissi Closs gehört zu den führenden Experten für Online-Dokumentation und XML in Deutschland. Sie ist Mitinhaberin und Geschäftsführerin der Firmen Comet Computer und Comet Communication.

zum Autorenprofil



Unsere Experten


alle Experten

Premium Lösungen

Marktübersicht

Premium Services

Dienstleisterübersicht