Intelligente Netzdienste versus starre Technologiemonolithen


07.05.2007

In den letzten Jahren haben wir sehr schnelle Wechsel in den Technologien erlebt. Ergebnis waren zunehmende Abhängigkeiten von der Verfügbarkeit von Information. Mit dem Wandel geht auch eine wachsende Angst in den Unternehmen einher – zum Beispiel unter dem Gesichtspunkt der elektronischen Archivierung: Wenn sich die Technologie immer wieder ändert, was mache ich dann mit meinen Informationen? Dies sind angesichts des technologischen Wandels, des erwähnten Paradigmenwechsels sehr aktuelle Fragen.

Wenn wir an die Frühzeit der IT denken, da hatten wir die IBM-Boliden; dann kam der PC und Bill Gates. Gerade erleben wir die ausklingende Google-Ära. Noch bestimmen einzelne große Firmen das Netz, die Zukunft stellen aber kleine, spezialisierte Netzdienste dar, die vom Endbenutzer flexibel eingebunden werden können.

Mit Netzdiensten wie einer "Writely"-Textverarbeitung, einem "Flickr"-Bilderservice oder einem virtuellen Daten-Safe kommt die nächste große

Revolution in der Softwareindustrie

Informationen werden nicht mehr lokal, sondern irgendwo im Netz gehalten. Dies ändert die Auffassung, wie ich mit der Datenverarbeitung und der Datenhaltung umgehe. Früher gab es die Rechnerzentrische Verarbeitung von Informationen, jetzt gibt es die Netzzentrische Verarbeitung. Die Zukunft stellt die Information selbst im Mittelpunkt und die Verarbeitung erfolgt Informationszentrisch.

Die Verteilung und Vernetzung der Information erfolgt dabei über alle Kanäle und alle technischen Geräte. Es muss sich nicht mehr um einen herkömmlichen Computer handeln, sondern ist Mobiltelefon, Fernseher oder Kühlschrank im privaten Bereich, Scanner, Navigationsgerät und RFID-bestücktes Paket gehören ebenfalls zu den neuen Medien der Nutzung von Information. Individuell, Intelligent und situationsbedingt werden Informationen verarbeitet und an den Anwender zurückgemeldet. Der Durchdringungsgrad von vernetzten Informationen wird immer größer und die strategische Informationsbasisarchitektur immer bedeutsamer.

Der Anwender rückt stärker im Mittelpunkt

Ein weiterer Aspekt, der sich in der Folge der Verbreitung und Nutzung von Netzdiensten ergibt, ist, dass Informationsmanagement intuitiv und nahezu im Hintergrund laufen muss. Denkt man an herkömmliche Dokumenten- und Web-Content-Managementsysteme, dann besteht die Anwendergruppe in der Regel aus den Mitarbeitern einer Firma oder Organisation. Diese können geschult und auf definierte Abläufe vorbereitet werden – auch auf kompliziertere bzw. weniger anwenderfreundliche Arbeitsvorgänge.

Netzdienste müssen ein wesentlich breiteres Anwenderspektrum abdecken, die anders als in einem Unternehmen nicht bekannt sind. Dies hat Auswirkungen auf die Usability der Software. Diese darf nicht komplex sein, sie muss einfach und intuitiv auch ohne intensive Schulung fehlerfrei und komfortabel nutzbar sein. Denn Angebot wie Saas sind nicht nur für größere Unternehmen interessant. Mehr noch können kleine Firmen, Selbständige und private Anwender von Ihnen profitieren.

Neben geschäftliche Daten, Information und Dokumente treten hier die exponentiell wachsenden Informationsmengen beim Privatanwender: digitale Fotos und Videos, digitalisierte Musik und Filme, E-Mails und elektronische Belege usw. Allein von den Datenmengen her ist man im privaten Bereich bereits da angelangt, wo Unternehmen noch zur Jahrtausendwende standen.

Auch spezialisierte Anwendungen für den professionellen Bereich müssen sich zukünftig den Erwartungen stellen, die als Meßlatte zunehmend durch private Massenanwendungen gesetzt werden. Denn in dem Maße wie die Masse der Anwender mit Informationen anders umgeht, stellen sich auch neue Erwartungen an Unternehmenssoftware. Deshalb wird das Thema "Usability" zunehmend zu einem entscheidenden Thema, wobei es letztendlich um ein gutes Gleichgewicht zwischen den Gestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten des einzelnen Anwenders und der reduziert vorgegebenen Ablaufsteuerung geht.

Last, but not least: Konsolidierung

Über den Begriff "Konsolidierung" lässt sich durchaus streiten. Es muss geklärt sein geht es um weniger Anbieter, weniger Produkte oder weniger überflüssige Funktionalität. Angesichts der Ausweitung der Funktionalität von ECM-Suiten durch die großen Anbieter scheidet letzteres bereits aus. Viele kleinere und größere Anbieter im Umfeld von Dokumenten-, Records-, Content- und Archiv-Management worden aufgekauft. Galt es früher noch die Portfolios zu erweitern so geht es heute um Marktanteile. Redundante Software und Funktionalität wird konsolidiert. Es wird weiterhin Spezialanbieter oder Subsystemhersteller geben.

Die Trends bestimmen die großen Standard-Softwareanbieter

Die mittelständischen Spezialanbieter müssen immer mehr auf Nischen ausweichen. Durch die zunehmende Integration von Dokumenten-Technologien in Betriebssysteme, z.B. die Workflow-Foundation von Microsoft, in Datenbanken, z.B. bei Oracle; in Speichersubsysteme, z.B. bei IBM oder EMC, und in kaufmännische Software, z.B. Business Process und Records Management bei SAP, verändert sich der Markt. Basisfunktionalität wird Infrastruktur, spezielle Dokumenten-Technologien überleben nur in speziellen Anwendungslösungen.

Der Druck wird sich hier noch erhöhen und die Konsolidierung des Marktes wird vorangehen – denn die nächste Entwicklung ist bereits absehbar. Dienste im Web-Umfeld und ASP-Angebote von Rechenzentren werden zur Konkurrenz von Inhouse-Lösungen.

Bereits heute zeichnet sich die Entwicklung im Web mit Angeboten für Collaboration, Projektmanagement, Textverarbeitung, ERP und Kalkulation deutlich ab. Für kleine und mittlere Unternehmen ist dies bereits die Alternative zur komplexen Inhouse-Lösung, die aufwändig betrieben und bei jedem Releasewechsel selbst angefasst werden muss. Diese Entwicklung wird von Dokumenten-, Enterprise-Content- und Archivierungs-Management nicht haltmachen.

Fazit

Angesichts der Veränderungen im Markt, der Konsolidierung, der technologischen Entwicklungen und des Paradigmenwechsels darf man als Anwender jedoch nicht "den Kopf in den Sand stecken". Es gilt dem explosiven Wachstum der Informationsflut Herr zu werden.

Es gilt Informationsmanagementstrategien zu entwickeln, die auf die Veränderungen anpassbar sind und sich nicht in Abhängigkeit der Release-Strategien der großen Anbieter begeben. Es geht darum, sich um die Information selbst, ihre Verwaltung, ihren Wert und ihre Erschließung zu kümmern. Ziel muss es sein, sich vom technologischen Wandel möglichst unabhängig aufzustellen. Dabei dürfen die Anforderungen jenseits der Technologie nicht vergessen werden.

Informationsmanagement ist in erster Linie eine organisatorische Aufgabe. Rein technische Lösungen sind heute und in Zukunft zum Scheitern verurteilt. Professionelles Informationsmanagement muss Strategie, Mensch und Organisation in den Vordergrund stellen. Technologien dienen dann zur Unterstützung von Strategien, Prozessen und Informationsnutzung.

Anm.d.Red.: Auszug aus der Vortragsmitschrift "Das Informationsmanagement im Wandel", ContentManager.Days 2006, von Ulrich Kampffmeyer in Leipzig (Informationsmanagement im Wandel). Der Vortrag ist auch als digitales Video bei KongressMedia abrufbar.

Quelle: Ausgabe 20070329 des PROJECT CONSULT Newsletters , ISSN 1439-0809.




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Dr. Kampffmeyer ist Geschäftsführer der PROJECT CONSULT Unternehmensberatung GmbH, Hamburg, eine produkt- und herstellerunabhängige Beratungsgesellschaft für Informationsmanagement (IM).

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