Ein Stift für alle Fälle

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Protokolle in Meetings werden oft handschriftlich verfasst und später am Computer eingegeben, bearbeitet und als E-Mail verschickt. Doppelte Arbeit, die auch Ärzte und Krankenschwestern kennen. Sie nehmen die Notizen ihrer Visiten zweimal auf: einmal handschriftlich am Krankenbett und am Arbeitsplatz, um die Informationen elektronisch einsehbar aufzubereiten. In anderen Branchen verzögert sich auf diese Weise die Auftragsabwicklung. Liefernachweise, Serviceberichte und Abrechnungen können erst in der Zentrale abgerechnet werden, wenn der Mitarbeiter dort eintrifft. Andere Dienste wiederum nutzen kosten- und wartungsintensive Handscanner mit UMTS- oder GSM-Modul.

Eine handliche Technik, die den Medienbruch überwindet und die Handschrift, als ältestes Medium der Welt, mit modernsten Technologien verbindet und digitalisiert, wäre für Betrieb und Kunden ein Zeit und Kosten sparender Weg, Arbeitsabläufe zu optimieren. In Kombination mit einer drahtlosen Übermittlung würde eine solche Technik zu einer der modernsten in der Auftragsabwicklung gehören. Die Anoto Group AB hat genau diese Technik für ein Stiftsystem entwickelt, einen Hightech-Kugelschreiber, der handschriftlich Verfasstes in digitaler Form abspeichert. Der elektronische Stift wird durch Abnehmen der Stiftkappe aktiviert und nutzt handelsübliches Papier, welches mit für das Auge fast unsichtbaren Punkten bedruckt ist.

Anhand der Punkte, die in ihrer Gesamtheit ein kaum sichtbares Koordinatengitter ergeben, orientiert sich eine eingebaute digitale Kamera und speichert alle geschriebenen und gezeichneten Daten auf einem eingebauten Flashspeicher. Hier bleiben die Daten selbst dann erhalten, wenn die Batterien des Stiftes verbraucht sind. Angeschlossen über USB an einen PC oder mit Bluetooth an das Handy kann das Geschriebene schnell gespeichert und per E-Mail oder UMTS versendet werden. Eine Software verwendet die Daten letztendlich, um das Geschriebene darzustellen und auszuwerten.

Egal wo das Stiftsystem seinen Einsatz findet – die Digitalisierung läuft im Prinzip immer gleich ab. Ein Beispiel: Ein medizinisches Forschungszentrum in Frankreich sammelte Daten einer oftmals erst spät erkannten Krankheit, den Lungenhochdruck. Da die ersten Symptome wie Atemnot oder Müdigkeit sehr unspezifisch sind, bleiben viele Patienten unbehandelt. Im schlimmsten Fall kann dies zum Tod führen. Innerhalb eines Jahres kamen deshalb 60 digitale Stifte in 24 Hospitälern zum Einsatz, aus deren Daten eine sich stetig vergrößernde zentrale Wissensdatenbank aufgebaut wurde. Ärzte können darauf zugreifen, um sich zur Beratung auszutauschen, sodass den Patienten optimal geholfen werden kann. Zur Erfassung aller Informationen wurden Fragebögen verwendet, die der Arzt oder Patient während einer Befragung mit dem digitalen Stift ausfüllen und ankreuzen musste.


Punkte für die Medizin

Damit der Stift weiß, wo er sich auf dem Fragebogen befindet, braucht er ein Koordinatensystem, auf dem er sich orientieren kann. Dazu sind Punkte auf dem Formular in einem Gitterabstand von 0,3 mm aufgedruckt. Aus einem spezifischen Muster, das 6x6 Punkte zu einem Feld zusammenfasst, wird die Koordinate für die Position des Stiftes gebildet. Setzt der Stift auf das Papier auf, registriert ein Sensor den Druck an der Tintenmine und initiiert das Auslesen der Koordinaten an diesem Punkt. So erkennt der Stift seine Position auf dem Blatt und scannt mit einer Kamera während des Schreibens das Geschriebene sowie das gedruckte Muster.

Ein Computerchip errechnet aus den mit 50 Bildern pro Sekunde aufgenommenen Bilddaten die Koordinaten, an welcher Stelle mit dem Stift geschrieben wurde. Diese Daten werden in dem eingebauten Speicher des Stiftes festgehalten. Nach dem Ausfüllen werden die Daten vom Arzt mit einer mitgelieferte Dockingstation per USB auf einen PC und von dort in eine zentrale Datenbank übertragen. Die Daten auf dem Stift werden gelöscht und sein Akku geladen. Im Abgleich mit der so entstandenen Datenbank kann unmittelbar nach der Beantwortung des Fragebogens eine Auswertung der Patientendaten vorgenommen werden. Sollten bei der Auswertung der angekreuzten Felder Unstimmigkeiten auftreten, kann die Liste auf Korrektheit geprüft werden. Auf dem Formular sind durch die Auswertungssoftware gültige und ungültige Felder definiert worden, die auf bestimmte Merkmale geprüft werden.

In den gültigen Feldern wird ein Kreuz als solches erkannt und durchgestrichene oder nicht markierte Felder als nicht beschriftet gedeutet. Zur Personalisierung der Patientendaten wurde beim Druck der Koordinatenpunkte auf jeden Fragebogen ein einzigartiges Muster (unique Pattern) verwendet. Wird ein Stift auf das Blatt gesetzt, registriert dieser anhand des Patterns sofort, um welches es sich handelt und kann es einem Patienten zuordnen.


Speichern, Löschen, Weiterverarbeiten

Sollen die Daten nicht gleich nach einer Datenübertragung gelöscht werden, werden sie im internen Flashspeicher des digitalen Stiftes gesammelt. Über 50 DIN-A4-Seiten können solange gespeichert werden, bis die erfassten Daten auf ein weiterverarbeitendes System übertragen werden. Zur Übertragung tippt der Anwender lediglich auf ein gesondertes "Sendefeld" auf dem Formular. Hier sind neben dem eigentlichen Muster Symbole gedruckt, die gesonderte Befehle enthalten. Dies kann auch ein neuer Seitenanfang oder ein Barcode-Scan sein.

Über Vibrationen gibt der Stift Rückmeldungen an den Schreiber weiter, ob die Befehle korrekt übernommen wurden. Sollten Übertragungsfehler auftreten, bleiben die Daten so lange auf dem Stiftsystem erhalten, bis dem System eine korrekte Übertragung bestätigt wird – erst danach werden sie vom Stift gelöscht. Die in einem proprietären Datenformat verfassten Dateien können von verschiedenen Partnern durch Software- oder SaaS- Lösungen (Software-as-a-Service) in alle beliebigen Datenformate umgewandelt werden.


Die Texterkennung ist erwachsen

Doch wie kann eine Software nun erkennen, was der Anwender geschrieben hat? Für den ersten Prototyp wurde eine Realtime-Bilderfassung entwickelt. Während der folgenden Jahre machte die Optical Character Recognition (OCR), die Schrifterkennung per Software erhebliche Fortschritte. Heute werden deshalb nicht mehr nur einzelne Buchstaben erkannt, sondern ganze Worte oder Sätze. Durch ein lernfähiges Wörterbuch werden schon von Grund auf Texte richtig erkannt.

Ein Trainingsprogramm für Stift und Anwender erhöht zudem die Texterkennung erheblich. Während des Trainings ist nicht die Klarheit der Schrift entscheidend, sondern die Gleichmäßigkeit des Schriftbildes selbst. Die Einsatzmöglichkeiten des Anoto-Stiftsystems werden noch immer unterschätzt. Es bietet mehr als nur eine Form der Digitalisierung von Fließtexten, Notizen und Gezeichnetem. Mit der richtigen Software können Formulare schneller erfasst und Bearbeitungszeiten deutlich verkürzt werden. Überall dort, wo Daten als PDF, XML oder in anderen Formaten archiviert werden müssen, erleichtert der Stift die Arbeit beachtlich.

Doch er ist nicht als "Out of the Box"-System zu verstehen. Sofern sich der Nutzer mit dem System beschäftigt und er technisch von einem ausgebildeten Projektpartner bei der Implementierung in vorhandene Softwarestrukturen unterstützt wird, lohnt sich der Stift dort, wo er teurere Eingabegeräte wie Laptops oder PDAs ablöst. Zu den Branchen, in denen er eingesetzt wird, gehören neben den genannten auch Finanzdienstleister und Banken, Logistik- oder Bildungsunternehmen.


Der Anoto-Stift

Der Anoto-Stift sieht aus wie ein einfacher Kugelschreiber. Er bietet aber die Möglichkeit, Handgeschriebenes zu digitalisieren und dieses auf computergestützten Back-Office Systemen weiter zu verarbeiten. Die Idee zum digitalen Stift ergab sich aus einer Doktorarbeit von Christer Fåhraeus, in der er 1996 nach einem Medium suchte, welches einfach und hoch effizient Daten erfassen konnte. Gegründet als C Technologies, bildete sich aus dem Unternehmen in Zusammenarbeit mit diversen Partnern die börsennotierte Anoto Group. Der Stift wird von drei weltweit bekannten Herstellern produziert. Dazu zählt auch Logitech, der als einziger eine Consumer und Business Variante des Stiftes herstellt.


DOK.magazin
Das DOKmagazin greift innovative Management- und Technologiethemen auf und bildet zentrale Themen der IT-Branche ab: Dokumenten-Management, Web- und Enterprise-Content-Management, Input- und Outputmanagement sowie Archivierung und Storage.

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05/2008, Steve Nellessen

Steve Nellessen ist Vertriebs- und Marketingleiter der gid GmbH in Norderstedt. GID berät bei der Konzeption, Projektplanerstellung, Installation und Wartung kundenindividueller Lösungen.


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